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Rettung Digital Interview – Verantwortung kennt keine Distanz

Verantwortung kennt keine Distanz

Wenn Technik verbindet und Menschen entscheiden

Christoph Süss-Havemann, Telenotarzt der ADAC Telenotarzt Gesellschaft und Philipp Lex von der ADAC HEMS Academy über moderne Telenotfallmedizin, Ausbildung als Haltung und den Telenotarztkurs am ADAC Luftrettung Campus.

Christoph, fangen wir mit dir an. Wenn du an deine Arbeit als Telenotarzt denkst… was bewegt dich daran ganz persönlich?

Christoph: Was mich immer wieder beschäftigt, ist die Verantwortung, die mit dieser Rolle einhergeht. Als Telenotarzt bist du räumlich nicht vor Ort, aber fachlich und menschlich voll eingebunden. Deine Entscheidungen haben unmittelbare Auswirkungen – auf Patientinnen und Patienten, auf Einsatzkräfte, auf ganze Abläufe.
Das erfordert nicht nur medizinisches Wissen, sondern ein tiefes Verständnis für Situationen, für Menschen und für Zusammenarbeit. Genau diese Dimension macht die Telenotfallmedizin für mich so anspruchsvoll – und gleichzeitig so sinnstiftend.

Philipp?

Philipp:  Was mich besonders bewegt, ist der starke Gegensatz zum operativen Rettungsdienst. Dort arbeiten wir viel mit unmittelbarem Eindruck, Erfahrung und ganzheitlicher Situationswahrnehmung. In der Telenotfallmedizin sind viele dieser Aspekte bewusst nicht verfügbar. Gerade daraus entsteht für mich der Reiz in der Ausbildung: Fähigkeiten zu trainieren, die wir so bisher kaum gebraucht haben, wie strukturierte Entscheidungen mit begrenzten Informationen, klare Kommunikation auf Distanz und das bewusste Erkennen dessen, was gerade fehlt. Dafür passende Lernräume zu schaffen, ist für mich eine echte neue Herausforderung.

Eure Verantwortung steht oft im Spannungsfeld zwischen Technik und Mensch. Wie geht ihr damit um?

Christoph: Technik ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Sie kann helfen, Informationen schneller verfügbar zu machen, Entscheidungen abzusichern oder Kommunikation zu erleichtern.
Aber am Ende sind es immer Menschen, die entscheiden, handeln und Verantwortung übernehmen. Für mich bedeutet RETTUNG DIGITAL deshalb nicht, Prozesse zu automatisieren, sondern Menschen besser miteinander zu verbinden. Fachlich, strukturell und kommunikativ.

Philipp: Viele Spannungen im Umgang mit Technik entstehen weniger durch die Technik selbst als durch Unsicherheiten in ihrer Anwendung. Wenn Systeme nicht intuitiv bedienbar sind oder unter Stress nicht zuverlässig funktionieren, werden sie schnell zur Belastung. Deshalb ist für uns entscheidend, Technik so zu trainieren, dass sie auch unter Druck selbstverständlich genutzt werden kann. Intuitive Bedienung, klare Abläufe und wiederholtes Training schaffen Sicherheit und erst dann kann Technik den Menschen wirklich unterstützen, statt ihn zusätzlich zu fordern.

Was bedeutet es, als Teil des ADAC und der ADAC Luftrettungsfamilie zu arbeiten?

Philipp: Das Besondere an der ADAC Luftrettung ist im internationalen Vergleich, dass wir Verantwortung für das gesamte System tragen. Für die Medizin genauso wie für die Hubschrauber, für das Training ebenso wie für Wartung und Technik. Diese Ganzheitlichkeit prägt die tägliche Arbeit. Jeder Baustein ist relevant, und nur im Zusammenspiel entsteht die Qualität, für die die ADAC Luftrettung steht. Dieses gemeinsame Systemverständnis macht die Zusammenarbeit für mich besonders.

Christoph: Ja, und diese Haltung spürt man im Alltag. Sie schafft Vertrauen, Verlässlichkeit und einen sehr hohen Qualitätsanspruch, sowohl operativ als auch in der Ausbildung.

„Es geht nicht nur um die Vermittlung einzelner Skills, sondern darum, eine gemeinsame Kultur für die telemedizinische Notfallversorgung zu entwickeln.“

Philipp Lex

Ausbildung ist ein zentrales Thema für euch. Warum ist sie für euch als ADAC Telenotarzt und die ADAC HEMS Academy so entscheidend?

Christoph: Weil man diese Rolle nicht „nebenbei“ erlernt.
Der Telenotarzt muss medizinisch exzellent arbeiten, aber gleichzeitig führen, moderieren, kommunizieren und priorisieren können, oft unter Zeitdruck und mit begrenzten Informationen.
Das erfordert Übung, Reflexion und ein sicheres Umfeld, in dem man auch Fehler machen und daraus lernen darf. Genau hier beginnt hochwertige Ausbildung.

Philipp: Ausbildung ist hier so entscheidend, weil wir Neuland betreten. Viele der Anforderungen in der telenotfallmedizinischen Arbeit wurden in dieser Form bislang kaum trainiert. Es geht deshalb nicht nur um die Vermittlung einzelner Skills, sondern darum, eine gemeinsame Kultur für die telemedizinische Notfallversorgung zu entwickeln. Ohne volles Vertrauen des bodengebundenen Rettungsdienstes auf der anderen Seite hat Telemedizin keine Chance. Genau dieses Vertrauen entsteht durch gute Ausbildung, klare Strukturen und gemeinsames Verständnis von Verantwortung.

Stichwort „Sicheres Lernumfeld“: Das findet sich am ADAC Luftrettung Campus. Was macht den Ort so besonders?

Philipp: Der Campus bietet einzigartige Trainingsmöglichkeiten, weil wir die gesamte Rettungskette realitätsnah abbilden können – vom Einsatzort über den boden- und luftgebundenen Transport bis hin zur Übergabe in der Klinik. Besonders wertvoll ist das an den Schnittstellen zwischen den einzelnen Abschnitten. Durch den integrierten Telenotarztarbeitsplatz in unserer Simulationsumgebung können wir die gesamte Bandbreite telemedizinischer Einsatzmöglichkeiten trainieren – sowohl für den Telenotarzt als auch für die Teams vor Ort.

Christoph: Besonders wertvoll ist für mich aber die strukturierte Nachbesprechung. Dort entsteht Tiefe, dort entsteht Lernen, dort entsteht die gemeinsame Haltung, mit der unsere Teams jeden Tag für die Menschen da sind.

„Viele kommen mit einer starken medizinischen Expertise und gehen mit einem erweiterten Blick.“

Christoph Süss-Havemann

In diesem Umfeld findet auch der Telenotarztkurs statt. Wie ist er konzeptionell eingebettet?

Christoph: Der Kurs ist kein isoliertes Ausbildungsformat, sondern Teil eines durchdachten Gesamtsystems.
Die enge Zusammenarbeit von ADAC Telenotarzt, ADAC Luftrettung und der ADAC HEMS Academy sorgt dafür, dass medizinische Inhalte, Entscheidungsfindung, Kommunikation und Teamarbeit gemeinsam trainiert werden.
Das entspricht genau der Realität des späteren Einsatzes. Das macht den Kurs so wertvoll.

Philipp: Der Telenotarztkurs ist bewusst in ein sehr praxisnahes Gesamtkonzept eingebettet. Durch die Möglichkeiten am Campus können wir eine Vielzahl realer Einsatzsituationen abbilden und im Training realistisch bearbeiten. Dabei ist uns wichtig, den Blick nicht auf regionale Besonderheiten zu verengen. Die Teilnehmenden sollen die volle Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten eines Telenotarztes kennenlernen – über unterschiedliche Settings, Systeme und Anforderungen hinweg. So entsteht ein Verständnis für die Rolle im Gesamtsystem, nicht nur für einen einzelnen Kontext.

Was nehmt ihr bei den Teilnehmenden während des Kurses besonders wahr?

Christoph: Viele kommen mit einer starken medizinischen Expertise und gehen mit einem erweiterten Blick.
Sie erleben, wie wichtig Kommunikation auf Distanz ist, wie sehr Struktur Sicherheit gibt und wie entscheidend es ist, Teil eines Teams zu sein, auch wenn man physisch nicht am Einsatzort ist.
Dieser Perspektivwechsel ist oft ein sehr intensiver Moment, fachlich, aber auch emotional.

Philipp: Das Feedback aus den bisherigen Kursen ist durchweg positiv. Besonders häufig wird der außergewöhnlich hohe Praxisanteil hervorgehoben. Auffällig ist zudem, dass viele Teilnehmende ohne eine klare Erwartungshaltung kommen – einfach, weil das System noch neu ist und die Nutzung der Ressource Telenotarzt regional sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Gerade dadurch entstehen im Kurs viele Aha-Momente. Die Teilnehmenden entwickeln ein breiteres Verständnis für die Möglichkeiten der Telenotfallmedizin und für die Rolle des Telenotarztes im Gesamtsystem.

„Ziel der Ausbildung ist es, ein klares und tragfähiges Rollenverständnis aufzubauen. Das gelingt durch die strukturierte Besprechung realer Einsätze und durch die Simulation realistischer Einsatzszenarien.“

Philipp Lex

Der Telenotarzt ist eine vergleichsweise junge Rolle. Wie schafft ihr trotzdem Sicherheit und Qualität in der Ausbildung?

Christoph: Indem wir auf Erfahrung aufbauen.
Beim ADAC Telenotarzt greifen wir auf eine Vielzahl realer Einsätze und auf jahrelange Entwicklungsarbeit zurück. Diese Erfahrungen fließen unmittelbar und praxisnah in den Kurs ein.
So entsteht eine Ausbildung, die Wissen vermittelt, aber vor allem Haltung stärkt: Verantwortung übernehmen, Entscheidungen transparent machen und im Team tragfähig bleiben.

Philipp: Ziel der Ausbildung ist es, ein klares und tragfähiges Rollenverständnis aufzubauen. Das gelingt durch die strukturierte Besprechung realer Einsätze und durch die Simulation realistischer Einsatzszenarien. Zusätzlich profitieren die Teilnehmenden von einem erfahrenen Instruktorenteam aus aktiven Telenotärztinnen und Telenotärzten. Diese Kombination aus Praxisnähe, Reflexion und Erfahrung schafft Sicherheit und Qualität, ganz unabhängig davon, wie jung das System ist.

Welche Rolle spielt die ADAC HEMS Academy in diesem Kontext?

Christoph: Eine sehr prägende.

Philipp: Die ADAC HEMS Academy ist die zentrale Trainingseinrichtung der ADAC Luftrettungsfamilie und steht seit Jahren für hochwertige Ausbildung, innovative Konzepte und internationale Standards. Unsere besondere Stärke liegt darin, dass wir auf die Kompetenz und Erfahrung der gesamten Unternehmensgruppe zurückgreifen können. Dass der Telenotarztkurs Teil dieses Ausbildungsportfolios ist, zeigt, dass Telenotfallmedizin ein fester Bestandteil moderner Rettungsmedizin ist. Für die Teilnehmenden bedeutet das ein Umfeld, in dem Qualität nicht erklärt, sondern konsequent gelebt wird.

Für wen ist der Telenotarztkurs aus eurer Sicht genau der richtige Schritt?

Christoph: Für Ärztinnen und Ärzte, die durch die zusätzliche Qualifikation ihre Expertise erweitern.
Für Menschen, die Telenotfallmedizin als verantwortungsvolle Aufgabe im Gesamtsystem Rettung verstehen.
Und für alle, die RETTUNG DIGITAL nicht als technisches Schlagwort begreifen, sondern als Haltung: gemeinsam Verantwortung zu tragen: für Patientinnen und Patienten, für Einsatzkräfte und für das System insgesamt.

Philipp:  Genau, der Kurs richtet sich nicht nur an Ärztinnen und Ärzte, die konkret als Telenotarzt tätig werden möchten. Er ist ebenso relevant für alle, die sich in der Notfallmedizin weiterentwickeln und ein tieferes Verständnis für moderne Versorgungssysteme aufbauen wollen. Im Mittelpunkt steht das systemische Denken: Zusammenhänge erkennen, Rollen verstehen und Verantwortung im Gesamtsystem übernehmen. Genau dafür bietet der Kurs einen passenden Rahmen.

„Ich wünsche mir, dass die Teilnehmenden diese Weiterbildung als Stärkung ihrer Expertise und ihres Alltags in der Rettung verstehen und natürlich, dass sie die Zeit am ADAC Luftrettung Campus und in unserem Trainings- und Simulationszentrum nicht mehr vergessen.“

Christoph Süss-Havemann

Zum Abschluss: Was wünscht ihr euch für die Teilnehmenden, wenn sie den Kurs verlassen?

Christoph: Ich wünsche mir, dass sie mit fachlicher Sicherheit gehen, aber auch mit einem klaren inneren Kompass.
Dass sie wissen, warum sie diese Rolle ausfüllen wollen. Und dass sie spüren, Teil eines Systems zu sein, das trägt.
Dass sie im Kurs mehr als Wissensvermittlung erleben. Dass sie diese Weiterbildung als Stärkung ihrer Expertise und ihres Alltags in der Rettung verstehen und natürlich, dass sie die Zeit am ADAC Luftrettung Campus und in unserem Trainings- und Simulationszentrum nicht mehr vergessen.

Philipp:  Unser Ziel ist es, nachhaltig etwas zu bewegen und nicht nur formale Qualifikationen zu bestätigen. Die Teilnehmenden sollen ein tiefes Verständnis für das System entwickeln und die Bereitschaft mitnehmen, dieses aktiv mitzugestalten und zu tragen. Telenotfallmedizin kann sich nur dann weiterentwickeln, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Genau dieses gemeinsame Verständnis und diese Haltung möchten wir im Kurs vermitteln.

Danke euch beiden.

Christoph Süss-Havemann ist Facharzt für Anästhesie mit Schwerpunkt Intensiv- und Notfallmedizin und absolvierte seine Weiterbildung an der Universitätsklinik Hamburg. Er ist Leitender Notarzt (LNA) sowie Notarzt bei der ADAC Luftrettung. Seit fast vier Jahren ist er als Telenotarzt bei der ADAC Telenotarzt tätig und bringt seine Erfahrung zudem als Kursleiter für den Telenotarztkurs an der ADAC HEMS Academy ein. In seiner Arbeit verbindet er klinische Expertise mit operativer Führungserfahrung und der Perspektive moderner, vernetzter Notfallmedizin.

Philipp Lex ist Notfallsanitäter, HEMS Technical Crew Member und Head of Medical Training der ADAC HEMS Academy. Zuvor leitete er das medizinische Training bei ADAC Luftrettung und ist seit vielen Jahren als Flight Paramedic im Einsatzdienst tätig. Als Berufspädagoge (B.S. Medical Education) verbindet er operative Erfahrung mit didaktischer Expertise. Sein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung interprofessioneller Trainingskonzepte sowie der Konzeption, Implementierung und Weiterentwicklung von EMS- und HEMS-Systemen weltweit. Darüber hinaus berät er internationale Projekte in den Bereichen Simulation, Trainingszentren, Crew Selection und Qualitätsmanagement.

Rettung Digital RETTmobil Edition „Am Puls des Rettungsdiensts“

pulsation IT im Interview über Digitalisierung, Telemedizin und den Menschen im Mittelpunkt des Rettungsdiensts

Wenn Sekunden zählen, darf Technik nicht bremsen.
Das weiß das Team von pulsation IT genau – und entwickelt digitale Lösungen, die den Rettungsdienst smarter und die Zusammenarbeit mit dem Telenotarzt einfacher machen. Im #RettungDigital Interview mit dem Mercedes Starke vom ADAC Telenotarzt verraten Florian, Markus und Max, wie ihr System funktioniert, wo KI heute schon unterstützt – und warum echte Innovation vor allem eines bedeutet: mehr Zeit für den Menschen hinter dem Einsatz.

Mercedes Starke:
Ich freue mich, heute mit euch – Florian, Markus und Max von pulsation IT – auf der RETTmobil 2025 zu sprechen. Ihr habt etwas Neues mitgebracht, das in Richtung Digitalisierung und Weiterentwicklung geht. Was steckt dahinter?

Maximilian Hesse:
Wir präsentieren unser TNA – Tele-Notarzt-System. Es ist vollständig in unsere medizinische Dokumentation integriert, kann aber auch eigenständig genutzt werden. Die Lösung ist browserbasiert und ermöglicht dem Telenotarzt ein flexibles, smartes Arbeiten – egal, wo er gerade ist.

Mercedes:
Ein großes Thema ist dabei sicher der Datenschutz, oder?

Markus Goebel:
Absolut. Datenschutz hat bei uns oberste Priorität. Wir hosten unsere Systeme geo-redundant in deutschen Rechenzentren, nach höchsten Sicherheitsstandards – inklusive ISO-Zertifizierungen und C5-Testaten. Das System ist so konzipiert, dass der Telenotarzt flexibel von überall aus arbeiten kann, ohne Kompromisse bei der Datensicherheit.

Einblick in die Anwendung

Mercedes:
Dann schauen wir doch einmal in die App. Wie funktioniert sie genau?

Max:
Gerne. Der Rettungsdienst kann über unser System den Telenotarzt direkt alarmieren und sofort alle relevanten Einsatzdaten teilen – von Vitalwerten über EKGs bis hin zu Diagnosen. Neben der Sprachverbindung gibt es auch eine integrierte Videoverbindung. Zusätzlich haben wir eine Chatfunktion eingebaut, die besonders hilfreich ist, wenn der Telenotarzt mehrere Konsultationen gleichzeitig betreut. Darüber kann er Anweisungen geben oder Rückfragen stellen, ohne sofort sprechen zu müssen. Ein weiteres Feature ist die Delegation: Der Telenotarzt kann per Mausklick Medikamente oder Maßnahmen anordnen – mit Dosierung, Zusatzhinweisen und allem, was dazugehört. Der Rettungsdienst sieht das direkt auf seinem Tablet und kann die Anweisung bestätigen oder begründet ablehnen, etwa bei einer bekannten Allergie. So läuft die Kommunikation sicher, effizient und nachvollziehbar ab – selbst ohne Telefonat.

KI, Qualitätsmanagement und Integration

Mercedes:
Das klingt so, als würde euer System den Telenotarzt aktiv entlasten. Wie steht ihr dabei zum Thema Künstliche Intelligenz?

Markus:
Es wäre fahrlässig, heute nicht über KI nachzudenken. Wir gehen damit allerdings sehr behutsam um. In ersten, universitär begleiteten Modellprojekten testen wir KI-Anwendungen in einem geschützten Umfeld. Ziel ist es, das Rettungsdienstpersonal zu entlasten – zum Beispiel, indem Informationen aus Medizinprodukten oder Gesprächen automatisch erkannt und an der richtigen Stelle dokumentiert werden.

Mercedes:
Das ist auch aus Sicht eines Telenotarztbetreibers spannend – gerade beim Thema Qualitätsmanagement. Wenn die Dokumentation integriert ist, lassen sich die Daten sicher auch einfacher auswerten?

Markus:
Genau. Wir sind seit über zwölf Jahren Anbieter digitaler Einsatzdokumentation und auf über 3.000 Fahrzeugen aktiv. Aus dieser Erfahrung heraus haben wir das Telenotarzt-System von Beginn an so entwickelt, dass es sich nahtlos in bestehende Prozesse einfügt. Die Echtzeitübertragung von Dokumentationsdaten zwischen Rettungsdienst und Telenotarzt ist dabei zentral – ohne Schnittstellen, vollständig synchron und integrativ.

Schnittstellen und Zusammenarbeit

Mercedes:
Ein großes Thema sind auch Schnittstellen. Es gibt viele Systeme, die irgendwie miteinander kommunizieren sollen. Wie geht ihr damit um?

Markus:
Standards wären wünschenswert – aber die Realität ist oft anders. Deshalb versuchen wir, Schnittstellen so weit wie möglich zu vermeiden, indem wir Dokumentation und Telenotarzt-System direkt integrieren. Wo unterschiedliche Systeme im Einsatz sind, bieten wir aber offene Schnittstellen, um die Anbindung zu ermöglichen. Das funktioniert meist gut, stößt aber je nach Systemlandschaft an Grenzen. Besonders wichtig ist für uns die Einbindung der Leitstellen: Je nach Region läuft die Alarmierung direkt zwischen Rettungsmittel und Telenotarzt oder über die Leitstelle. Beide Varianten können wir technisch abbilden.

Blick in die Zukunft

Mercedes:
Wenn ihr euch etwas wünschen könntet – wo steht euer System, der Telenotarzt und die Notfallmedizin in 15 Jahren?

Florian:
Ich glaube, in 15 Jahren schreiben wir keine Einsatzberichte mehr von Hand. Die Dokumentation entsteht automatisch – durch KI-gestützte Spracherkennung und intelligente Systeme, während wir uns auf den Patienten konzentrieren. Wir als Software treten dann in den Hintergrund, die Qualität der Daten bleibt aber gleich oder wird sogar besser.

Markus:
Genau. Unser Ziel ist es nicht, immer neue Tools zu entwickeln, sondern den Menschen mehr Zeit für das Wesentliche zu geben: Patientenversorgung. Der Telenotarzt soll sich keine Gedanken mehr über Dokumentation oder Pflichten machen müssen – das läuft im Hintergrund.

Max:
Aus meiner Sicht als Rettungsdienstler wünsche ich mir, dass alles so automatisiert funktioniert, dass wir mehr Zeit für den Patienten haben – ohne ständige technische Ablenkung. Alles andere sollte „nebenbei“ passieren.

Mercedes:
Das fasst es schön zusammen: Am Ende steht immer der Patient im Mittelpunkt. Vielen Dank euch dreien für das Gespräch – und ich bin gespannt, wie sich euer System weiterentwickelt.

pulsation IT:
Danke!

Rettung Digital Interview RETTmobil Edition „Leichter, smarter, einfacher.“

Martin Grebing im Rettung Digital Interview zur Zukunft der Medizintechnik im Rettungsdienst.

Vom AED für die Öffentlichkeit bis zum professionellen Defibrillator im Rettungsdienst: Schiller ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der Notfallmedizin. Im Gespräch mit Mercedes Starke vom ADAC Telenotarzt gibt Martin Grebing, Business Unit Lifecare Deutschland bei Schiller, Einblicke in die Innovationskraft des Unternehmens – von Konnektivität im Rettungsdienst über Schnittstellen zur elektronischen Patientenakte bis hin zu Zukunftsvisionen wie kabellosen EKG-Elektroden und smarter KI-Unterstützung. Ein Gespräch über Digitalisierung, Standortstärke in Europa und die gemeinsame Mission, Leben zu retten.

Mercedes Starke (ADAC Telenotarzt):
Hallo Martin, schön, dass wir hier bei Schiller auf der RETTmobil zu Gast sein dürfen. Erzähl uns bitte, was du bei Schiller machst und wofür das Unternehmen steht.

Martin Grebing (Schiller):
Sehr gern. Ich bin bei Schiller für die Business Unit Lifecare im Deutschlandvertrieb verantwortlich. Mein Bereich umfasst alles rund um die Notfallrettung – also Luft-, Wasser- und Bergrettung. Wir sind Hersteller von Defibrillatoren und bieten eine breite Produktpalette: vom AED für die Öffentlichkeit bis zu professionellen Geräten für den Rettungsdienst – natürlich mit der nötigen Konnektivität.

Mercedes:
Du bist also schon lange in der Rettung unterwegs?

Martin:
Ja, seit 1996. Ich habe viele Stationen durchlaufen und bin nun seit sechs Jahren bei Schiller.

Mercedes:
Im Rahmen unserer Reihe „Rettung Digital“ geht es um Innovationen und Weiterentwicklungen in der Notfallmedizin. Ihr seid beim Thema Konnektivität sehr stark aufgestellt. Was macht diesen Bereich so wichtig?

Martin:
Telemedizin ist inzwischen in aller Munde. Unsere Geräte im professionellen Bereich müssen heute viele telemedizinische Anforderungen erfüllen. Im Rettungsdienst ist es absolut notwendig, Systeme zu vernetzen. Dabei verstehen wir uns als Partner und Vermittler: Wir entwickeln nicht selbst ein Telenotarztsystem, sondern bieten Schnittstellen, die sich in bestehende Systeme integrieren lassen.

Mercedes:
Das heißt, die Hauptaufgaben liegen mittlerweile in der Schnittstellenarbeit?

Martin:
Genau. In Sachen Defibrillation oder EKG gibt es Standards. Die Unterschiede entstehen bei der Konnektivität: Manche Systeme arbeiten mit Kameras, die ein EKG abfotografieren, andere sammeln strukturierte Daten, die dann an Telenotarzt oder Klinik übermittelt werden. Hier in Deutschland sind die Ansprüche hoch – wir transportieren umfassende Datensätze, die leistungsfähige Geräte und schnelle Prozessoren erfordern.

Mercedes:
Wie fließen diese Daten in Krankenhaus- und QM-Systeme ein – vielleicht auch mit Blick auf die elektronische Patientenakte?

Martin:
Das ist längst Realität. Wir haben zentrale Plattformen wie die SEMA, auf der Patientendaten aus EKG, Defibrillation und Pulmologie zusammenlaufen. Über Schnittstellen sind diese mit allen gängigen KIS-Systemen verbunden. So begleiten die Daten den Patienten vom Notfalleinsatz bis in die Klinik. Das Thema Telenotarzt ergänzt dieses Bild – und stärkt die lückenlose Dokumentation.

Mercedes:
Also wart ihr in Sachen Digitalisierung sogar früher dran als viele andere im Rettungsdienst?

Martin:
Bestimmt im Klinikbereich. Dort arbeiten wir seit Jahrzehnten mit digitaler Datenerfassung. Relativ neu ist die Telemedizin im Rettungsdienst, die sich aber in den letzten Jahren stark etabliert hat.

Mercedes:
Wenn wir nach vorne blicken: Welche Innovationen erwarten uns in der Medizintechnik?

Martin:
Der Trend geht zu leichteren, smarteren und einfacheren Geräten. Ein Beispiel: kabellose EKG-Elektroden, die per Bluetooth oder App funktionieren. Auch KI wird eine große Rolle spielen – etwa bei der Unterstützung der Diagnostik. Wichtig bleibt: Geräte müssen intuitiv bedienbar sein und Abläufe vereinfachen, besonders in Stresssituationen.

Mercedes:
Ihr produziert in Europa?

Martin:
Ja. Wir entwickeln und fertigen in der Schweiz und in Frankreich. In einem Markt mit starken Playern wollen wir uns als europäischer Hersteller behaupten und die Zukunft aktiv mitgestalten.

Mercedes:
Vielen Dank für den spannenden Einblick. Ich freue mich, dass wir mit euch einen Partner haben, der seit Jahrzehnten Digitalisierung vorantreibt und zugleich die Zukunft im Blick hat.

Martin:
Sehr gern. Am Ende eint uns alle das gleiche Ziel: Leben retten.

Rettung Digital RETTmobil Edition: Kleidung im Wandel des digital befähigten Rettungsdiensts

Christian Schrodi – Prokurist & Bereichsleiter Bekleidung bei H+DG – im Rettung Digital Interview

Im Rahmen der Content-Serie „Rettung Digital“ spricht Mercedes Starke vom ADAC Telenotarzt auf der RETTmobil 2025 mit Christian Schrodi von H+DG. Im Fokus: die Anforderungen an moderne Einsatzkleidung – und wie sich diese durch neue digitale Strukturen wie den Telenotarzt verändern könnten.

Mercedes Starke:
Christian, heute ist es richtig heiß hier auf der Messe – was bedeutet das eigentlich für Einsatzkleidung im Alltag von Rettungskräften?

Christian Schrodi:
Bei diesen Temperaturen zeigt sich, wie wichtig atmungsaktive Kleidung ist. Unsere Einsatzkleidung ist darauf ausgelegt, auch bei großer Hitze möglichst komfortabel zu bleiben. Wir setzen auf Materialien, die Luft zirkulieren lassen, Feuchtigkeit nach außen transportieren und trotzdem robust genug sind, um den Anforderungen im Einsatz standzuhalten. Gerade wenn man in Stresssituationen unterwegs ist, darf Kleidung nicht zusätzlich belasten – diesen Gedanken unterstützen wir mit unseren Designs.

Mercedes:
Die Anforderungen im Rettungsdienst verändern sich – auch durch digitale Innovationen wie den Telenotarzt. Macht sich das auch in eurer Produktentwicklung bemerkbar?

Christian:
Tatsächlich ist das für uns als Hersteller ein spannender Punkt. Wir bekommen natürlich mit, dass sich Strukturen verändern, aber in der Tiefe sind uns digitale Systeme wie der Telenotarzt noch relativ neu. Umso spannender ist es, von eurer Arbeit zu hören. Für uns heißt das konkret: Wir müssen Kleidung so gestalten, dass sie flexibel an neue Arbeitsweisen angepasst werden kann. Modularität, multifunktionale Taschen und Halterungen spielen dabei eine große Rolle – gerade wenn zusätzliche Geräte oder Schnittstellen genutzt werden, wie es in der Kommunikation mit dem Telenotarzt der Fall ist.

Mercedes:
Ganz genau. Beim Telenotarzt kommen unsere Ärztinnen und Ärzte zentral, digital zugeschaltet in den Einsatz. Oft mit Videoverbindung – entweder über installierte Kameras im Rettungswagen oder das Smartphone des Notfallsanitäters. Das spart Zeit und entlastet das System, gerade bei Notarztmangel.

Christian:
Das ist ein beeindruckender Ansatz – und aus Sicht der Ausstattung bedeutet das natürlich neue Anforderungen. Wenn Smartphones im Einsatz als Kommunikationsmittel genutzt werden, braucht es sichere und zugängliche Befestigungen. Wir achten deshalb schon heute darauf, dass unsere Kleidung z. B. mit Halterungen oder Vorrichtungen kompatibel ist, die solche Technik integrieren können. Auch wenn wir selbst keine digitalen Systeme entwickeln, müssen wir sie mitdenken – und da hilft uns ein Austausch wie mit euch enorm.

Mercedes:
Ein digital hinzugeschalteter Telenotarzt ist für eure Einsatzkleidung dagegen nicht die ideale Zielgruppe, oder?

Christian:
Natürlich merken wir, dass sich das Einsatzprofil verändert. Es gibt vielleicht weniger bodengebundene Notärzte im EInsatz, dafür neue Rollen und Funktionen, die andere Anforderungen an die Kleidung stellen. Für uns heißt das: Weniger Massenproduktion, mehr Spezialisierung. Es geht nicht mehr nur darum, viele Uniformen auszuliefern – sondern die richtigen, für neue Einsatzrealitäten. Und da ist der Austausch mit Praktikern wie euch essenziell, um vorausschauend zu entwickeln.

Abgesehen davon haben wir allerdings auch tolle Poloshirts, die ihr euch unbedingt anschauen solltet für eure Telenotärtzte. (lacht)

Mercedes:
Danke dir sehr Christian für den Austausch und deine Gedanken.

Christian:
Ich danke dir!

Zwischen Leitstelle und Lebensrettung: Der Telenotarzt im Praxischeck

Notfallsanitäter Michael Gilbert im Rettung Digital Interview

Inmitten des Einsatzgeschehens zählt jede Sekunde – und digitale Innovation kann hier den entscheidenden Unterschied machen. Michael Gilbert, erfahrener Notfallsanitäter, spricht im Interview über seine persönlichen Erfahrungen mit dem System Telenotarzt (TNA). Wie verändert es die Zusammenarbeit im Rettungsdienst? Welche Vorteile bringt es für Patienten und Fachpersonal? Und wie fühlt es sich an, einen Arzt im Ohr zu haben? Ein ehrlicher Einblick in die neue Realität der präklinischen Notfallversorgung – und ein Appell für mehr Vertrauen in Technik und Teamwork.

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Welche Vorteile bietet das TNA-System deiner Meinung nach für die Patientenversorgung im Vergleich zu traditionellen Methoden?

Der Einsatz eines TNA-Systems kann die Notärztliche Expertise schneller an die Einsatzstelle bringen, da es, gerade im ländlichen Raum ein dichtes Netz an Rettungswagenstandorten gibt. Gerade das TNA-System von Umlaut bietet beiden Seiten, sowohl dem Telenotarzt als auch mir als Anwender im Rettungswagen dabei ein höchstmögliches Maß an Flexibilität ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen. Das Rettungsfachpersonal kann hierbei selbst entscheiden, wann sie den Telenotarzt konsultiert, ob in der frühen Phase des Einsatzes bei einem kritischen Patienten, oder auch zu einem späteren Zeitpunkt des Einsatzes. Hierbei kann beispielsweise auf mitgeführte Headsets oder das Smartphone mit der TNA-Applikation zurückgegriffen werden.

Wie hat sich die Zusammenarbeit im Rettungsdienst durch die Etablierung des TNA-Systems verändert?

Mit der Einführung des TNA-Systems ist auf beiden Seiten der Nutzenden das Vertrauen enorm gewachsen. Für die Notärztlichen Kolleginnen und Kollegen ist es sicherlich eine der größten Hürden den Patienten nicht mit den eigenen Händen zu behandeln, sondern das Rettungsfachpersonal als „verlängerte Arme und Hände“ im Rahmen der telenotärztlichen Konsultation zu nutzen. Für die Notfallsanitäterinnen und -sanitäter ist das in sie gesetzte Vertrauen in Kombination mit der verbundenen rechtlichen Sicherheit sicherlich eine der positivsten Veränderungen. Für die Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind die größten Vorteile aus meiner Sicht Kompetenzgewinn und -erhalt.

Wie hat sich deine Sichtweise auf telemedizinische Systeme im Rettungsdienst nach deiner aktiven Zeit verändert?

Durch die Implementierung telemedizinischer Systeme kann zum einen, ergänzt durch Strukturierte Standard-Arbeitsanweisungen der Kompetenzerhalt des Rettungsfachpersonal intraprofessionell verbessert und gefördert werden, zum anderen kommen wir aus meiner Sicht so dem Ziel näher das richtige Rettungsmittel zum richtigen Patienten zu bringen.

Wie hat das TNA-System die Entscheidungsfindung in Notfallsituationen beeinflusst?

Gerade bei sehr kritischen Patienten kann die frühzeitige Konsultation des Telenotarztes das therapiefreie Intervall deutlich verkürzen bis zum Eintreffen des physischen Notarztes an der Einsatzstelle. Oftmals habe ich den Telenotarzt auch konsultiert, um mich in Entscheidungen abzusichern, aber auch um Fixierungsfehler zu vermeiden. Der Telenotarzt kann als „neutraler“ Berater nochmal andere Impulse setzen. Mit dem Telenotarzt konnte ich mich in Notfallsituationen voll und ganz auf die Versorgung des Patienten konzentrieren, während ich „im Ohr“ einen weiteren, wertvollen Teampartner hatte, der dezidiert die erhobenen Befunde auswerten konnte.

Welche Rückmeldungen hast du von Kollegen zur Nutzung des TNA-Systems erhalten?

Vor Nutzung des TNA-Systems war ich skeptisch. In meinem mentalen Modell ist der Telenotarzt bereits beim Erreichen der Einsatzstelle dabei.

In der Anwendung selbst profitiert das System jedoch davon, dass das Rettungsfachpersonal den Notfallpatienten bereits Leitliniengerecht und gemäß den regionalen Standard-Arbeitsanweisungen versorgt hat, sämtliche Vitalparameter erhoben hat und erst dann mit einer Verdachtsdiagnose den Telenotarzt konsultiert, sodass die Kosultationsdauer möglichst kurz ist, sämtliche Informationen kondensiert übergeben werden ist und der Telenotarzt zügig wieder weitere Notfälle übernehmen kann.

Über Michael Gilbert

Michael Gilbert ist Notfallsanitäter, Dozent im Rettungsdienst und seit 2013 in der präklinischen Notfallversorgung aktiv. Im Rahmen seiner Tätigkeit beim Rettungsdienst Aachen sammelte er ein Jahr Erfahrung mit dem TNA System. Seit 2020 ist Gilbert bei der ADAC Luftrettung tätig – unter anderem als TC HEMS. Heute verantwortet er die Koordination der Zusammenarbeit zwischen Leitstellen und Rettungshubschraubern für die ADAC Luftrettung  im Westen Deutschlands.

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Ein Gamechanger für die Notfallmedizin?

In Notfällen zählt jede Sekunde – doch gerade in ländlichen Regionen kann es dauern, bis ein Notarzt vor Ort ist. Hier setzt das Telenotarzt-System an: Per Video und Funk unterstützt ein erfahrener Notfallmediziner das Rettungsteam aus der Ferne. Doch kann diese digitale Lösung die Notfallversorgung wirklich effizienter machen? Und wie lässt sie sich sinnvoll in das bestehende Gesundheitssystem integrieren? Im Interview sprechen wir über Chancen, Herausforderungen und die Zukunft dieser innovativen Ergänzung im Rettungsdienst.

Was kann der Telenotarzt von der Raumfahrt lernen?

Nicola Winter im Rettung Digital Interview

In der Raumfahrt sind Arzt und Patient oft durch tausende Kilometer getrennt – doch das System funktioniert reibungslos. Warum? Weil ein eingespieltes Team, klare Kommunikation und präzise Rollenverteilung über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wir haben Nicola Winter – Jet-Pilotin, Astronautin und Pilotin der ADAC Luftrettung – zum Rettung Digital Interview getroffen und wünschen gute Inspiration.

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Welche Erkenntnisse können wir aus der Raumfahrt für das System Telenotarzt anwenden?

In der Raumfahrt sind wir es gewohnt, dass Arzt und Patient – in diesem Fall die Astronautin – durch enorme Distanzen voneinander getrennt sind. Die Lösung ist stets ein kompetentes Team, das in Echtzeit berät und unterstützt. Entscheidende Erkenntnis dabei: Team-Mix und Rollenverteilung sind Gold wert. Ein Teil des Teams agiert direkt vor Ort, nimmt die Anweisungen entgegen und führt sie aus. Der andere Teil arbeitet in einer ruhigen, stressfreien Umgebung – in unserem Fall ein Team von Fachleuten am Boden, das mit einem klaren Kopf die Lage analysiert, Optionen abwägt und Anweisungen erteilt.

Warum das so wichtig ist? Vor Ort sind die Menschen meist belastet durch äußere Einflüsse wie Zeitdruck, Wetter, Lärm oder Chaos (auf einer Raumstation durch Schwerelosigkeit, Enge und Isolation). Im Hintergrund aber haben die Fachleute am Boden den Raum und die Ruhe, um kreativer und strukturierter zu denken. Das schafft Sicherheit und Effizienz – beides essenziell für den Erfolg eines Telenotarzt-Systems.

Pilot vs. Notarzt – welche Team-Aspekte sind nach Ihrer Einschätzung für den Telenotarzt wichtig?

Das Zusammenspiel zwischen Piloten und Crew zeigt deutlich, wie wichtig klare Rollenverteilungen und Verantwortlichkeiten sind. Jeder muss seine Aufgaben genau kennen, sonst geht wertvolle Zeit verloren oder Fehler passieren. Der Telenotarzt ist dabei nicht der „Retter vor Ort“, sondern die strategische Unterstützung, die den Überblick behält und gezielte Entscheidungen trifft.

Es ist wie im Cockpit: Ein Pilot braucht die Sicherheit, dass er sich auf die Systeme und die Crew verlassen kann. So kann auch das Fachpersonal vor Ort effektiver handeln, wenn der Telenotarzt klare Anweisungen gibt und die Entscheidungskompetenz durch Vertrauen gestärkt wird. Das Team funktioniert am besten, wenn jeder seine Rolle perfekt erfüllt – egal, ob vor Ort oder in der Ferne.

Kommunikation unter Zeitdruck – was sind Ihre Empfehlungen an unsere Telenotärzte?

In der Luft- und Raumfahrt hat sich ein bestimmter Kommunikationsstil durchgesetzt: klar, präzise und ergebnisorientiert. Ein Satz zu viel kostet Zeit, ein Satz zu wenig kann gefährlich sein. Daher gilt:

  • Konkret statt kompliziert: Was genau ist die Lage und die Fakten? Was ist die Handlungsanweisung. Keine Umschweife, keine Smalltalk. Klare Schemata helfen dabei enorm.
  • Kurz statt langatmig: Einfache Sätze, klare Anweisungen.
  • Feedback-Schleifen: Der Empfänger wiederholt die Anweisung – wie im Cockpit („Readback-Check“).
  • Nichts persönlich nehmen und Themen nachbesprechen: Durch den Druck der Situation und die klare Sprache kann Kommunikation als schroff wahrgenommen werden. Daran müssen sich alle beteiligten gewöhnen- und in jedem System kann man immer dazu lernen und kontinuierlich besser werden.

Ein Beispiel aus dem Flugfunk: „Kurs 270 halten, Steigrate 1.500 Fuß.“ – Das ist kein Roman, aber jeder weiß, was zu tun ist. Für das Telenotarztsystem heißt das: so sprechen, dass nichts verloren geht. Prioritäten nennen, Informationen strukturieren und sich selbst auf das Wesentliche fokussieren – vor allem in stressigen Situationen.

Wie könnte der Aufbau einer positiven und kooperativen Teamkultur gefördert werden, trotz der physischen Distanz?

Physische Distanz ist kein Hindernis, wenn eine gemeinsame Kultur geschaffen wird – das sehen wir in der Raumfahrt täglich. Auch wenn der Astronaut in der Schwerelosigkeit schwebt und das Bodenteam tausende Kilometer entfernt ist, funktioniert die Zusammenarbeit durch klare Strukturen und psychologische Sicherheit.

Wichtige Faktoren für eine kooperative Teamkultur:

Vertrauen schaffen: Das beginnt mit regelmäßigen Briefings, Nachbesprechungen und offenen Feedback-Runden. Auch Erfolge müssen gemeinsam gefeiert werden – so stärkt man die emotionale Verbindung.

Rollen und Verantwortung klar definieren: Wer macht was? Jeder im Team muss wissen, welchen Teil er zum „großen Ganzen“ beiträgt.

Psychologische Sicherheit fördern: Jeder muss sich trauen, Bedenken oder Fragen zu äußern – egal, ob im Hubschrauber, in der Notfallversorgung oder im Kontrollzentrum. Nur so lassen sich Fehler frühzeitig vermeiden.

Verbindung durch Technik nutzen: Video-Calls, regelmäßige Updates, Debriefings und kurze Check-ins helfen, dass der Kontakt menschlich bleibt. Es ist nicht nur wichtig, Daten zu übermitteln, sondern auch menschliche Bindung zu schaffen.

Letztlich kann es immer funktionieren, ein Gefühl von „Wir sind ein Team“ zu etablieren – egal, wie viele Kilometer dazwischen liegen- zum Wohle der Patienten!

Nicola Winter

ADAC-Pilotin, Keynote-Speakerin, Bestseller Autorin Leadership &Teamship, Risiko & Krisenmanagement

Nicola war Deutschlands zweite Kampfflugzeugpilotin, flog Tornado und Eurofighter und gehörte zu den wenigen Frauen in der deutschen Luftwaffe. Neben ihrer Tätigkeit in der Raumfahrtforschung und ihrer Promotion in Raumfahrtwissenschaften ist sie seit 2024 als ADAC-Pilotin in der Luftrettung im Einsatz.