Rettung Digital Interview – Verantwortung kennt keine Distanz
Verantwortung kennt keine Distanz
Wenn Technik verbindet und Menschen entscheiden
Christoph Süss-Havemann, Telenotarzt der ADAC Telenotarzt Gesellschaft und Philipp Lex von der ADAC HEMS Academy über moderne Telenotfallmedizin, Ausbildung als Haltung und den Telenotarztkurs am ADAC Luftrettung Campus.
Christoph, fangen wir mit dir an. Wenn du an deine Arbeit als Telenotarzt denkst… was bewegt dich daran ganz persönlich?
Christoph: Was mich immer wieder beschäftigt, ist die Verantwortung, die mit dieser Rolle einhergeht. Als Telenotarzt bist du räumlich nicht vor Ort, aber fachlich und menschlich voll eingebunden. Deine Entscheidungen haben unmittelbare Auswirkungen – auf Patientinnen und Patienten, auf Einsatzkräfte, auf ganze Abläufe.
Das erfordert nicht nur medizinisches Wissen, sondern ein tiefes Verständnis für Situationen, für Menschen und für Zusammenarbeit. Genau diese Dimension macht die Telenotfallmedizin für mich so anspruchsvoll – und gleichzeitig so sinnstiftend.
Philipp?
Philipp: Was mich besonders bewegt, ist der starke Gegensatz zum operativen Rettungsdienst. Dort arbeiten wir viel mit unmittelbarem Eindruck, Erfahrung und ganzheitlicher Situationswahrnehmung. In der Telenotfallmedizin sind viele dieser Aspekte bewusst nicht verfügbar. Gerade daraus entsteht für mich der Reiz in der Ausbildung: Fähigkeiten zu trainieren, die wir so bisher kaum gebraucht haben, wie strukturierte Entscheidungen mit begrenzten Informationen, klare Kommunikation auf Distanz und das bewusste Erkennen dessen, was gerade fehlt. Dafür passende Lernräume zu schaffen, ist für mich eine echte neue Herausforderung.
Eure Verantwortung steht oft im Spannungsfeld zwischen Technik und Mensch. Wie geht ihr damit um?
Christoph: Technik ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Sie kann helfen, Informationen schneller verfügbar zu machen, Entscheidungen abzusichern oder Kommunikation zu erleichtern.
Aber am Ende sind es immer Menschen, die entscheiden, handeln und Verantwortung übernehmen. Für mich bedeutet RETTUNG DIGITAL deshalb nicht, Prozesse zu automatisieren, sondern Menschen besser miteinander zu verbinden. Fachlich, strukturell und kommunikativ.
Philipp: Viele Spannungen im Umgang mit Technik entstehen weniger durch die Technik selbst als durch Unsicherheiten in ihrer Anwendung. Wenn Systeme nicht intuitiv bedienbar sind oder unter Stress nicht zuverlässig funktionieren, werden sie schnell zur Belastung. Deshalb ist für uns entscheidend, Technik so zu trainieren, dass sie auch unter Druck selbstverständlich genutzt werden kann. Intuitive Bedienung, klare Abläufe und wiederholtes Training schaffen Sicherheit und erst dann kann Technik den Menschen wirklich unterstützen, statt ihn zusätzlich zu fordern.
Was bedeutet es, als Teil des ADAC und der ADAC Luftrettungsfamilie zu arbeiten?
Philipp: Das Besondere an der ADAC Luftrettung ist im internationalen Vergleich, dass wir Verantwortung für das gesamte System tragen. Für die Medizin genauso wie für die Hubschrauber, für das Training ebenso wie für Wartung und Technik. Diese Ganzheitlichkeit prägt die tägliche Arbeit. Jeder Baustein ist relevant, und nur im Zusammenspiel entsteht die Qualität, für die die ADAC Luftrettung steht. Dieses gemeinsame Systemverständnis macht die Zusammenarbeit für mich besonders.
Christoph: Ja, und diese Haltung spürt man im Alltag. Sie schafft Vertrauen, Verlässlichkeit und einen sehr hohen Qualitätsanspruch, sowohl operativ als auch in der Ausbildung.
„Es geht nicht nur um die Vermittlung einzelner Skills, sondern darum, eine gemeinsame Kultur für die telemedizinische Notfallversorgung zu entwickeln.“
Philipp Lex
Ausbildung ist ein zentrales Thema für euch. Warum ist sie für euch als ADAC Telenotarzt und die ADAC HEMS Academy so entscheidend?
Christoph: Weil man diese Rolle nicht „nebenbei“ erlernt.
Der Telenotarzt muss medizinisch exzellent arbeiten, aber gleichzeitig führen, moderieren, kommunizieren und priorisieren können, oft unter Zeitdruck und mit begrenzten Informationen.
Das erfordert Übung, Reflexion und ein sicheres Umfeld, in dem man auch Fehler machen und daraus lernen darf. Genau hier beginnt hochwertige Ausbildung.
Philipp: Ausbildung ist hier so entscheidend, weil wir Neuland betreten. Viele der Anforderungen in der telenotfallmedizinischen Arbeit wurden in dieser Form bislang kaum trainiert. Es geht deshalb nicht nur um die Vermittlung einzelner Skills, sondern darum, eine gemeinsame Kultur für die telemedizinische Notfallversorgung zu entwickeln. Ohne volles Vertrauen des bodengebundenen Rettungsdienstes auf der anderen Seite hat Telemedizin keine Chance. Genau dieses Vertrauen entsteht durch gute Ausbildung, klare Strukturen und gemeinsames Verständnis von Verantwortung.
Stichwort „Sicheres Lernumfeld“: Das findet sich am ADAC Luftrettung Campus. Was macht den Ort so besonders?
Philipp: Der Campus bietet einzigartige Trainingsmöglichkeiten, weil wir die gesamte Rettungskette realitätsnah abbilden können – vom Einsatzort über den boden- und luftgebundenen Transport bis hin zur Übergabe in der Klinik. Besonders wertvoll ist das an den Schnittstellen zwischen den einzelnen Abschnitten. Durch den integrierten Telenotarztarbeitsplatz in unserer Simulationsumgebung können wir die gesamte Bandbreite telemedizinischer Einsatzmöglichkeiten trainieren – sowohl für den Telenotarzt als auch für die Teams vor Ort.
Christoph: Besonders wertvoll ist für mich aber die strukturierte Nachbesprechung. Dort entsteht Tiefe, dort entsteht Lernen, dort entsteht die gemeinsame Haltung, mit der unsere Teams jeden Tag für die Menschen da sind.
„Viele kommen mit einer starken medizinischen Expertise und gehen mit einem erweiterten Blick.“
Christoph Süss-Havemann
In diesem Umfeld findet auch der Telenotarztkurs statt. Wie ist er konzeptionell eingebettet?
Christoph: Der Kurs ist kein isoliertes Ausbildungsformat, sondern Teil eines durchdachten Gesamtsystems.
Die enge Zusammenarbeit von ADAC Telenotarzt, ADAC Luftrettung und der ADAC HEMS Academy sorgt dafür, dass medizinische Inhalte, Entscheidungsfindung, Kommunikation und Teamarbeit gemeinsam trainiert werden.
Das entspricht genau der Realität des späteren Einsatzes. Das macht den Kurs so wertvoll.
Philipp: Der Telenotarztkurs ist bewusst in ein sehr praxisnahes Gesamtkonzept eingebettet. Durch die Möglichkeiten am Campus können wir eine Vielzahl realer Einsatzsituationen abbilden und im Training realistisch bearbeiten. Dabei ist uns wichtig, den Blick nicht auf regionale Besonderheiten zu verengen. Die Teilnehmenden sollen die volle Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten eines Telenotarztes kennenlernen – über unterschiedliche Settings, Systeme und Anforderungen hinweg. So entsteht ein Verständnis für die Rolle im Gesamtsystem, nicht nur für einen einzelnen Kontext.
Was nehmt ihr bei den Teilnehmenden während des Kurses besonders wahr?
Christoph: Viele kommen mit einer starken medizinischen Expertise und gehen mit einem erweiterten Blick.
Sie erleben, wie wichtig Kommunikation auf Distanz ist, wie sehr Struktur Sicherheit gibt und wie entscheidend es ist, Teil eines Teams zu sein, auch wenn man physisch nicht am Einsatzort ist.
Dieser Perspektivwechsel ist oft ein sehr intensiver Moment, fachlich, aber auch emotional.
Philipp: Das Feedback aus den bisherigen Kursen ist durchweg positiv. Besonders häufig wird der außergewöhnlich hohe Praxisanteil hervorgehoben. Auffällig ist zudem, dass viele Teilnehmende ohne eine klare Erwartungshaltung kommen – einfach, weil das System noch neu ist und die Nutzung der Ressource Telenotarzt regional sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Gerade dadurch entstehen im Kurs viele Aha-Momente. Die Teilnehmenden entwickeln ein breiteres Verständnis für die Möglichkeiten der Telenotfallmedizin und für die Rolle des Telenotarztes im Gesamtsystem.
„Ziel der Ausbildung ist es, ein klares und tragfähiges Rollenverständnis aufzubauen. Das gelingt durch die strukturierte Besprechung realer Einsätze und durch die Simulation realistischer Einsatzszenarien.“
Philipp Lex
Der Telenotarzt ist eine vergleichsweise junge Rolle. Wie schafft ihr trotzdem Sicherheit und Qualität in der Ausbildung?
Christoph: Indem wir auf Erfahrung aufbauen.
Beim ADAC Telenotarzt greifen wir auf eine Vielzahl realer Einsätze und auf jahrelange Entwicklungsarbeit zurück. Diese Erfahrungen fließen unmittelbar und praxisnah in den Kurs ein.
So entsteht eine Ausbildung, die Wissen vermittelt, aber vor allem Haltung stärkt: Verantwortung übernehmen, Entscheidungen transparent machen und im Team tragfähig bleiben.
Philipp: Ziel der Ausbildung ist es, ein klares und tragfähiges Rollenverständnis aufzubauen. Das gelingt durch die strukturierte Besprechung realer Einsätze und durch die Simulation realistischer Einsatzszenarien. Zusätzlich profitieren die Teilnehmenden von einem erfahrenen Instruktorenteam aus aktiven Telenotärztinnen und Telenotärzten. Diese Kombination aus Praxisnähe, Reflexion und Erfahrung schafft Sicherheit und Qualität, ganz unabhängig davon, wie jung das System ist.
Welche Rolle spielt die ADAC HEMS Academy in diesem Kontext?
Christoph: Eine sehr prägende.
Philipp: Die ADAC HEMS Academy ist die zentrale Trainingseinrichtung der ADAC Luftrettungsfamilie und steht seit Jahren für hochwertige Ausbildung, innovative Konzepte und internationale Standards. Unsere besondere Stärke liegt darin, dass wir auf die Kompetenz und Erfahrung der gesamten Unternehmensgruppe zurückgreifen können. Dass der Telenotarztkurs Teil dieses Ausbildungsportfolios ist, zeigt, dass Telenotfallmedizin ein fester Bestandteil moderner Rettungsmedizin ist. Für die Teilnehmenden bedeutet das ein Umfeld, in dem Qualität nicht erklärt, sondern konsequent gelebt wird.
Für wen ist der Telenotarztkurs aus eurer Sicht genau der richtige Schritt?
Christoph: Für Ärztinnen und Ärzte, die durch die zusätzliche Qualifikation ihre Expertise erweitern.
Für Menschen, die Telenotfallmedizin als verantwortungsvolle Aufgabe im Gesamtsystem Rettung verstehen.
Und für alle, die RETTUNG DIGITAL nicht als technisches Schlagwort begreifen, sondern als Haltung: gemeinsam Verantwortung zu tragen: für Patientinnen und Patienten, für Einsatzkräfte und für das System insgesamt.
Philipp: Genau, der Kurs richtet sich nicht nur an Ärztinnen und Ärzte, die konkret als Telenotarzt tätig werden möchten. Er ist ebenso relevant für alle, die sich in der Notfallmedizin weiterentwickeln und ein tieferes Verständnis für moderne Versorgungssysteme aufbauen wollen. Im Mittelpunkt steht das systemische Denken: Zusammenhänge erkennen, Rollen verstehen und Verantwortung im Gesamtsystem übernehmen. Genau dafür bietet der Kurs einen passenden Rahmen.
„Ich wünsche mir, dass die Teilnehmenden diese Weiterbildung als Stärkung ihrer Expertise und ihres Alltags in der Rettung verstehen und natürlich, dass sie die Zeit am ADAC Luftrettung Campus und in unserem Trainings- und Simulationszentrum nicht mehr vergessen.“
Christoph Süss-Havemann
Zum Abschluss: Was wünscht ihr euch für die Teilnehmenden, wenn sie den Kurs verlassen?
Christoph: Ich wünsche mir, dass sie mit fachlicher Sicherheit gehen, aber auch mit einem klaren inneren Kompass.
Dass sie wissen, warum sie diese Rolle ausfüllen wollen. Und dass sie spüren, Teil eines Systems zu sein, das trägt.
Dass sie im Kurs mehr als Wissensvermittlung erleben. Dass sie diese Weiterbildung als Stärkung ihrer Expertise und ihres Alltags in der Rettung verstehen und natürlich, dass sie die Zeit am ADAC Luftrettung Campus und in unserem Trainings- und Simulationszentrum nicht mehr vergessen.
Philipp: Unser Ziel ist es, nachhaltig etwas zu bewegen und nicht nur formale Qualifikationen zu bestätigen. Die Teilnehmenden sollen ein tiefes Verständnis für das System entwickeln und die Bereitschaft mitnehmen, dieses aktiv mitzugestalten und zu tragen. Telenotfallmedizin kann sich nur dann weiterentwickeln, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Genau dieses gemeinsame Verständnis und diese Haltung möchten wir im Kurs vermitteln.
Danke euch beiden.

Christoph Süss-Havemann ist Facharzt für Anästhesie mit Schwerpunkt Intensiv- und Notfallmedizin und absolvierte seine Weiterbildung an der Universitätsklinik Hamburg. Er ist Leitender Notarzt (LNA) sowie Notarzt bei der ADAC Luftrettung. Seit fast vier Jahren ist er als Telenotarzt bei der ADAC Telenotarzt tätig und bringt seine Erfahrung zudem als Kursleiter für den Telenotarztkurs an der ADAC HEMS Academy ein. In seiner Arbeit verbindet er klinische Expertise mit operativer Führungserfahrung und der Perspektive moderner, vernetzter Notfallmedizin.

Philipp Lex ist Notfallsanitäter, HEMS Technical Crew Member und Head of Medical Training der ADAC HEMS Academy. Zuvor leitete er das medizinische Training bei ADAC Luftrettung und ist seit vielen Jahren als Flight Paramedic im Einsatzdienst tätig. Als Berufspädagoge (B.S. Medical Education) verbindet er operative Erfahrung mit didaktischer Expertise. Sein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung interprofessioneller Trainingskonzepte sowie der Konzeption, Implementierung und Weiterentwicklung von EMS- und HEMS-Systemen weltweit. Darüber hinaus berät er internationale Projekte in den Bereichen Simulation, Trainingszentren, Crew Selection und Qualitätsmanagement.









