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Rettung Digital RETTmobil Edition „Die Zukunft ist vernetzt“

Jan Wilkening von ZOLL im Rettung Digital Interview

Wie gelingt die digitale Transformation im Rettungsdienst – ganz konkret, nah am Einsatzgeschehen? Im Rahmen der RETTmobil 2025 spricht Mercedes Starke vom ADAC Telenotarzt mit Jan Wilkening von ZOLL über die Integration von Live-Daten in Telenotarztsysteme, smarte Geräteunterstützung bei Reanimationen und die Zukunft vernetzter Notfallmedizin. Ein Gespräch über Technologie, Verantwortung und partnerschaftliche Zusammenarbeit – für mehr Sicherheit und Effizienz im Einsatz.

Mercedes Starke (ADAC Telenotarzt):
Hallo Jan, schön, dass du dir hier auf der RETTmobil Zeit nimmst. Wir kennen uns ja bereits – über unseren Standort im Bergischen Land arbeiten wir mit ZOLL zusammen. Magst du kurz erzählen, wie genau?

Jan Wilkening (ZOLL):
Gerne. In der Region Leverkusen nutzen zwei Berufsfeuerwehren unsere Geräte der X-Serie. Diese sind in das Telenotarztsystem integriert, das über einen zentralen Anbieter läuft – und ihr stellt dafür die Telenotärzte.

Mercedes:
Richtig, und bald feiern wir sogar gemeinsam Go-live! Kannst du erklären, wie die Schnittstelle zwischen euren Geräten und dem Telenotarztsystem funktioniert?

Jan:
Unsere X-Serie-Geräte streamen die Vitaldaten live auf einen zentralen Server. Dort werden sie in das TNA-System von Umlaut (Accenture) eingebunden und für den Telenotarzt bereitgestellt. Der Notfallsanitäter vor Ort aktiviert einfach den Livestream – alles Weitere läuft automatisch im Hintergrund.

Mercedes:
Das heißt, Telenotarzt und Notfallsanitäter sehen exakt dasselbe?

Jan:
Genau. Der Telenotarzt sieht die gleichen Werte wie der Sanitäter vor Ort – vom EKG über Trends bis hin zu historischen Daten seit Beginn der Behandlung. So können beide gemeinsam fundierte Entscheidungen treffen – zum Beispiel auch zur Transportvermeidung oder zur Begleitung bei Intensivtransporten.

Mercedes:
Ein echter Sicherheitsgewinn für Patienten. Was passiert mit den Daten abseits des Telenotarzt-Einsatzes?

Jan:
Unsere Geräte zeichnen alle relevanten Daten während eines Einsatzes auf. Diese können in die elektronische Einsatzdokumentation überführt werden – mit weniger Schreibaufwand und mehr Genauigkeit. Besonders wertvoll wird es bei Reanimationen: Die Geräte liefern Feedback zur Qualität von Thoraxkompressionen und Beatmung. Später können die Daten für Hot Debriefings oder Trendanalysen genutzt werden, um die Qualität im Rettungsdienst zu verbessern.

Mercedes:
Und was ist mit Datenschutz und Datensicherheit?

Jan:
Die Datenübertragung vom Gerät zum Server ist vollständig verschlüsselt – auf dem Niveau von Online-Banking. Der Server ist ebenso geschützt, und nur autorisierte Personen haben Zugriff. Langfristig wird alles in die Cloud wandern. Das Thema wird in Deutschland zwar noch kritisch betrachtet, ist aber sicherer als schlecht gewartete lokale Server.

Mercedes:
Wie lange werden die Daten gespeichert?

Jan:
Das entscheidet jeder Kunde selbst – je nach internen Vorgaben und Bedürfnissen.

Mercedes:
Können die gesammelten Daten auch in die elektronische Patientenakte (ePA) integriert werden?

Jan:
Direkt aus unseren Geräten – nein. Wir sind Gerätehersteller, keine ePA-Player. Aber unsere Partner – zum Beispiel Anbieter von Einsatzdokumentationen – können diese Daten weiterverarbeiten und in die ePA überführen.

Mercedes:
Die Daten sind auch für unser Qualitätsmanagement Gold wert. Aber lasst uns noch über neue Hardware sprechen: Was gibt’s Neues?

Jan:
Unser Highlight ist der AutoPulse NXT – die Weiterentwicklung des bekannten AutoPulse. Das neue Modell ist kompakter, leichter, hat ein verbessertes Batteriemanagement und kann größere Patient:innen aufnehmen. Interessanterweise haben wir das Gerät so vereinfacht, dass es kein Display mehr braucht. Einschalten, Start drücken – fertig.

Mercedes:
Klingt nach echter Benutzerfreundlichkeit. Und wie geht ihr mit der zunehmenden Zahl an Systemen und Schnittstellen um?

Jan:
Das ist der Weg in die Zukunft. Wir entwickeln gezielt Schnittstellen – wie beim Telenotarzt-System – und setzen auf starke Partnerschaften. Wichtig ist, dass alle Systeme miteinander kommunizieren können. Wir sind offen für Kooperationen und verfolgen einen partnerschaftlichen Ansatz – nicht exklusiv mit einem Anbieter, sondern mit möglichst vielen.

Mercedes:
Da sprechen wir eine Sprache – auch wir sind technikneutral und arbeiten mit allen zusammen. Nur so kann man in der Notfallmedizin wirklich etwas bewegen.

Jan:
Ganz genau.

Mercedes:
Vielen Dank für das spannende Gespräch, die Einblicke – und auf eine gute Zusammenarbeit!

Jan:
Ich freue mich drauf. Vielen Dank!

Über Jan Wilkening

Als Key Account Manager Integrated Solutions bei ZOLL Medical treibt Jan Wilkening seit über zehn Jahren digitale Lösungen in der Notfallmedizin voran. Mit seinem Hintergrund in IT und Rettungsdienst schlägt er die Brücke zwischen MedTech, Partnern und Produktentwicklung – immer nah an den Anforderungen der Kunden.

Kommentierung zur S2 Leitlinie „Telemedizin in der prähospitalen Notfallmedizin“

Neue S2-Leitlinie stärkt Rolle des Telenotarztes in der prähospitalen Notfallmedizin

Im vergangenen Monat wurde die S2 Leitlinie „Telemedizin in der prähospitalen Notfallmedizin“ (2. Fassung) veröffentlicht. Im Bereich der Notfallmedizin maßgebliche ärztliche Fachgesellschaften haben gemeinsam mit notfallmedizinisch engagierten Berufsverbänden Empfehlungen herausgegeben. Wir können nun auf 21 evidenzbasierte Empfehlungen und 9 Good Clinical Practice Points (GPP) zurückgreifen um das Thema TELENOTARZT als Teil des Rettungsdienstes vorwärtszubringen.

Vom Expertengremium wurden Untersuchungen aus der Vergangenheit gesichtet und bewertet, hier wurde gezeigt, dass die Qualität der Versorgung hinsichtlich Korrektheit der Diagnosen und Dokumentationsqualität steigt und das Telenotarzt-System, z. B. durch geringere Bindungs- und planbareren Einsatzzeiten, zur Unterstützung und Entlastung des bisherigen Rettungssystems beiträgt.

„Die Delegation von Medikamentengaben ist durch telenotfallmedizinische Unterstützung sicher durchführbar und kann genutzt werden“.

Neben den technischen Voraussetzungen für die Etablierung eines TNA-Systems werden auch verschiedene Indikationsfelder definiert, bei denen gezeigt werden konnte, dass der TNA eine sichere Alternative zum Notarzt vor Ort sein kann.

  • Wenn bei festgestelltem Bedarf einer Notarzt-Unterstützung durch das Rettungs-Team vor Ort ein Notarzt nicht zeitgerecht zur Verfügung steht, sollte zusätzlich auf ein verfügbares TNA-System zurückgegriffen werden.
  • Die telenotfallmedizinische Konsultation kann zur Entscheidungsfindung einer zielgerichteteren Weiterversorgung und strukturierten Voranmeldung von Patienten bei ausgewählten Indikationsfeldern eingesetzt werden
  • Die telenotfallmedizinische Konsultation zur Entscheidungsfindung einer möglichen Patientenbeförderung stellt eine typische Fragestellung dar und sollte bei bestehendem Unterstützungsbedarf des Rettungsdienstes erfolgen.
  • TNA-Systeme können in der Dispositionsentscheidung von Sekundäreinsätzen unterstützen. In differenzierten Situationen können telenotärztlich begleitete Sekundäreinsätze durchgeführt und dadurch die Ressource Notarzt geschont werden.
  • Bei Bedarf des Rettungsfachpersonals und/oder der Notärzte vor Ort, sollte ein TNA zur Verbesserung von (Patienten-) Sicherheit und Leitlinienadhärenz konsultiert werden.

Unter den Experten bestand auch starker Konsens: „Die Delegation von Medikamentengaben ist durch telenotfallmedizinische Unterstützung sicher durchführbar und kann genutzt werden“.

Als konkrete Einsatzszenarien werden genannt: Gabe von Betäubungsmitteln, Interpretation von EKG-Veränderungen, incl. Unterstützung bei der prähospitalen Versorgung und Verkürzung der Zeit bis zur kardiologischen Vorstellung in der Klinik.

Der Telenotarzt soll eine Qualifikation besitzen, die über die Anforderungen an den Notarzt vor Ort hinaus gehen (Curriculum der BÄK).  Zusätzlich hierzu können auf digitalem Weg noch weitere Fachrichtungen (zB Neurologe, Kardiologe, Pädiater) eingebunden werden. Dies ermöglicht es vor Ort bedarfsgerecht Fachexpertise zur Verfügung zu stellen, um die Patientenversorgung zielgerichtet optimieren zu können.

Als überregional tätiger Betreiber von Telenotarztstandorten sehen wir uns auf unserem Weg Rettung digital zu gestalten bestätigt und freuen uns, die weiteren Herausforderungen gemeinsam mit allen beteiligten Berufsgruppen gemeinsam angehen zu dürfen.

Hier finden Sie die neue S2 Leitlinie „Telemedizin in der prähospitalen Notfallmedizin“

Detlev Gissat

Standortleiter ADAC Telenotarzt, Gelnhausen

Rettung Digital RETTmobil Edition: „Keep it stupid simple“

Christoph Graumann von corpuls im Rettung Digital Interview

Telemedizin ist längst mehr als ein Trend – sie ist eine zentrale Antwort auf die Herausforderungen im Rettungsdienst von heute und morgen. Auf der RETTmobil 2025 sprachen wir mit Christoph Graumann von corpuls über konkrete Innovationen, technische Redundanz, politische Hürden und die Vision eines vernetzten Notfall-Ökosystems. Warum einfache Lösungen oft die besten sind und welche Rolle der Mensch trotz aller Digitalisierung spielt – das erfahren Sie im Interview.

Mercedes Starke (ADAC Telenotarzt):
Christoph, schön dich hier am Stand von corpuls auf der RETTmobil 2025 zu treffen. Wie ist dein erster Eindruck von der Messe?

Christoph Graumann (corpuls):
Wie jedes Jahr: Es macht unglaublich viel Spaß. Wir haben hier eine tolle Mischung aus Anwendern, die täglich mit unseren Systemen arbeiten, bis hin zu nationalen und internationalen Entscheidern – aus allen Bundesländern.

Mercedes:
Unsere Content-Serie „Rettung Digital“ beschäftigt sich mit Innovationen im Rettungsdienst. Telemedizin ist da ein zentrales Thema – und bei euch ja schon lange Teil der DNA, oder?

Christoph:
Absolut. Viele kennen uns als Defibrillator-Hersteller, aber schon 1984 haben wir das erste EKG übertragen. Seit 15 Jahren arbeiten wir web-basiert, und seit 2021 sind wir auch im Bereich Telenotarzt aktiv.

Mercedes:
Welche Einsatzbereiche siehst du für den Telenotarzt – jetzt und zukünftig?

Christoph:
Der Telenotarzt ist bislang auf Rettungsdienste beschränkt, hauptsächlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber wir wollen Telemedizin umfassender denken – über alle Stationen des Gesundheitswesens hinweg: vom Erstkontakt über Pflege, Klinik, bis in die Nachversorgung.

Mercedes:
Ein großes Thema ist dabei auch die Digitalisierung – etwa im Kontext der Notfallreform oder der elektronischen Patientenakte (ePA). Was ist eure Sicht?

Christoph:
Digitalisierung bietet riesige Chancen, aber sie muss richtig verstanden werden – als Prozessvereinfachung, nicht bloß als digitale Abbildung. Leider verhindert politisches Missverständnis von Datenschutz viele sinnvolle Anwendungen. Zum Beispiel könnten wir die ePA im Rettungsdienst längst nutzen – es gibt Schnittstellen –, aber gesetzlich ist der mobile Einsatz bislang nur Apotheken erlaubt. Die Notfallversorgung wird da schlicht nicht berücksichtigt.

Mercedes:
Ein Aspekt, der immer wieder diskutiert wird, ist die Verbindungsqualität – gerade auf Veranstaltungen wie dieser. Wie robust ist die Technik?

Christoph:
Natürlich gibt es Orte ohne Netz, aber das ist selten. Unsere Systeme sind seit 2021 im Einsatz – mit Ausfallquoten unter 2 %. Wenn man alle Mobilfunknetze kombiniert, sind weiße Flecken marginal. Und wenn es wirklich kein Netz gibt, machen wir einfach das, was wir die letzten 50 Jahre gemacht haben: ein NEF alarmieren.

Mercedes:
Was ist euer Konzept für Redundanz?

Christoph:
Technisch setzen wir auf eigene, hochverfügbare Cloud-Lösungen. Selbst bei einem regionalen Ausfall können wir nahtlos auf andere Rechenzentren umschalten. Personell ist Zusammenarbeit zwischen Telenotarztzentralen entscheidend – etwa um Pausen, Ausfälle oder steigende Einsatzfrequenzen abzufangen.

Mercedes:
Gibt es Innovationen, die ihr hier auf der Messe zeigt?

Christoph:
Unsere Softwarelösung corpuls.mission ist ein Konferenzsystem, das verschiedenste Akteure und Datenquellen an einem Notfallort zusammenführt – vom Hausarzt über die Klinik bis zur Giftnotrufzentrale. So bringen wir gebündelte Expertise und relevante Daten direkt zum Patienten – auch über Geräte hinweg, die nicht von corpuls stammen.

Mercedes:
Wohin geht die Zukunft der Telemedizin – können wir alles digitalisieren?

Christoph:
Es geht nicht um „alles digitalisieren“, sondern um sinnvolle Unterstützung. Der Mensch bleibt zentral. Systeme müssen einfach und intuitiv sein – kein komplexes IT-Tool. Unser Credo: „Keep it stupid simple“. Ziel ist es, dass der Anwender schnell, effizient und patientenzentriert handeln kann.

Mercedes:
Herzlichen Dank für den spannenden Einblick – ich schau jetzt noch im Biergarten vorbei!

Christoph:
Sehr gut – da gibt’s Weißbier und Weißwurst. Viel Spaß!


Über Christoph Graumann

Christoph Graumann ist seit 2016 bei corpuls und leitet den Bereich Anwendungssoftware mit 45 Mitarbeitenden. Als Notfallsanitäter und studierter Medizininformatiker (u. a. TU München, Johns Hopkins University) verbindet er Praxis und Technik. Er war an Forschungsprojekten zur Medizinrobotik und digitalen Diagnostik beteiligt und engagiert sich ehrenamtlich bei den Johannitern. Privat ist er zweifacher Vater und Gründer eines E-Learning-Startups für den Rettungsdienst.

Zwischen Leitstelle und Lebensrettung: Der Telenotarzt im Praxischeck

Notfallsanitäter Michael Gilbert im Rettung Digital Interview

Inmitten des Einsatzgeschehens zählt jede Sekunde – und digitale Innovation kann hier den entscheidenden Unterschied machen. Michael Gilbert, erfahrener Notfallsanitäter, spricht im Interview über seine persönlichen Erfahrungen mit dem System Telenotarzt (TNA). Wie verändert es die Zusammenarbeit im Rettungsdienst? Welche Vorteile bringt es für Patienten und Fachpersonal? Und wie fühlt es sich an, einen Arzt im Ohr zu haben? Ein ehrlicher Einblick in die neue Realität der präklinischen Notfallversorgung – und ein Appell für mehr Vertrauen in Technik und Teamwork.

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Welche Vorteile bietet das TNA-System deiner Meinung nach für die Patientenversorgung im Vergleich zu traditionellen Methoden?

Der Einsatz eines TNA-Systems kann die Notärztliche Expertise schneller an die Einsatzstelle bringen, da es, gerade im ländlichen Raum ein dichtes Netz an Rettungswagenstandorten gibt. Gerade das TNA-System von Umlaut bietet beiden Seiten, sowohl dem Telenotarzt als auch mir als Anwender im Rettungswagen dabei ein höchstmögliches Maß an Flexibilität ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen. Das Rettungsfachpersonal kann hierbei selbst entscheiden, wann sie den Telenotarzt konsultiert, ob in der frühen Phase des Einsatzes bei einem kritischen Patienten, oder auch zu einem späteren Zeitpunkt des Einsatzes. Hierbei kann beispielsweise auf mitgeführte Headsets oder das Smartphone mit der TNA-Applikation zurückgegriffen werden.

Wie hat sich die Zusammenarbeit im Rettungsdienst durch die Etablierung des TNA-Systems verändert?

Mit der Einführung des TNA-Systems ist auf beiden Seiten der Nutzenden das Vertrauen enorm gewachsen. Für die Notärztlichen Kolleginnen und Kollegen ist es sicherlich eine der größten Hürden den Patienten nicht mit den eigenen Händen zu behandeln, sondern das Rettungsfachpersonal als „verlängerte Arme und Hände“ im Rahmen der telenotärztlichen Konsultation zu nutzen. Für die Notfallsanitäterinnen und -sanitäter ist das in sie gesetzte Vertrauen in Kombination mit der verbundenen rechtlichen Sicherheit sicherlich eine der positivsten Veränderungen. Für die Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind die größten Vorteile aus meiner Sicht Kompetenzgewinn und -erhalt.

Wie hat sich deine Sichtweise auf telemedizinische Systeme im Rettungsdienst nach deiner aktiven Zeit verändert?

Durch die Implementierung telemedizinischer Systeme kann zum einen, ergänzt durch Strukturierte Standard-Arbeitsanweisungen der Kompetenzerhalt des Rettungsfachpersonal intraprofessionell verbessert und gefördert werden, zum anderen kommen wir aus meiner Sicht so dem Ziel näher das richtige Rettungsmittel zum richtigen Patienten zu bringen.

Wie hat das TNA-System die Entscheidungsfindung in Notfallsituationen beeinflusst?

Gerade bei sehr kritischen Patienten kann die frühzeitige Konsultation des Telenotarztes das therapiefreie Intervall deutlich verkürzen bis zum Eintreffen des physischen Notarztes an der Einsatzstelle. Oftmals habe ich den Telenotarzt auch konsultiert, um mich in Entscheidungen abzusichern, aber auch um Fixierungsfehler zu vermeiden. Der Telenotarzt kann als „neutraler“ Berater nochmal andere Impulse setzen. Mit dem Telenotarzt konnte ich mich in Notfallsituationen voll und ganz auf die Versorgung des Patienten konzentrieren, während ich „im Ohr“ einen weiteren, wertvollen Teampartner hatte, der dezidiert die erhobenen Befunde auswerten konnte.

Welche Rückmeldungen hast du von Kollegen zur Nutzung des TNA-Systems erhalten?

Vor Nutzung des TNA-Systems war ich skeptisch. In meinem mentalen Modell ist der Telenotarzt bereits beim Erreichen der Einsatzstelle dabei.

In der Anwendung selbst profitiert das System jedoch davon, dass das Rettungsfachpersonal den Notfallpatienten bereits Leitliniengerecht und gemäß den regionalen Standard-Arbeitsanweisungen versorgt hat, sämtliche Vitalparameter erhoben hat und erst dann mit einer Verdachtsdiagnose den Telenotarzt konsultiert, sodass die Kosultationsdauer möglichst kurz ist, sämtliche Informationen kondensiert übergeben werden ist und der Telenotarzt zügig wieder weitere Notfälle übernehmen kann.

Über Michael Gilbert

Michael Gilbert ist Notfallsanitäter, Dozent im Rettungsdienst und seit 2013 in der präklinischen Notfallversorgung aktiv. Im Rahmen seiner Tätigkeit beim Rettungsdienst Aachen sammelte er ein Jahr Erfahrung mit dem TNA System. Seit 2020 ist Gilbert bei der ADAC Luftrettung tätig – unter anderem als TC HEMS. Heute verantwortet er die Koordination der Zusammenarbeit zwischen Leitstellen und Rettungshubschraubern für die ADAC Luftrettung  im Westen Deutschlands.

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Dr. Sebastian Rossbach im Rettung Digital Interview

Zwischen Leitstelle und Straße: Warum der Telenotarzt
das fehlende Bindeglied in der Notfallmedizin ist

Interview mit Dr. Sebastian Rossbach zum Start des ADAC Telenotarztes im Bergischen Land

Notfallmedizin ist ein Bereich, der sich ständig weiterentwickelt. Mobile Rettung, Luftrettung und stationäre Versorgung gehören schon lange dazu – jetzt erweitert die Digitalisierung die Möglichkeiten. Mit dem ADAC Telenotarzt besteht ein innovatives Konzept, das nun auch in der Trägerregion Bergisches Land für neue Impulse sorgen soll. Wir haben mit Dr. Sebastian Rossbach, Chefarzt der Anästhesie am Evangelischen Krankenhaus Mettmann, über seine Einschätzung dieser Entwicklung gesprochen.

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Dr. Rossbach, die Notfallmedizin findet mobil, zur Luft, stationär und nun auch digital statt.
Wie lässt sich der Telenotarzt aus Ihrer Sicht in diese verschiedenen Facetten am besten integrieren?

Die Tätigkeit des Telenotarztes ist für mich ein wichtiges Bindeglied zwischen der Leitstelle und dem Einsatzgeschehen vor Ort. Durch den direkten Zugriff auf die Datenlage und die Möglichkeit, über Audio- und Videokommunikation ein genaues Lagebild zu erhalten, kann der TNA – also der Telenotarzt – eine entscheidende Rolle spielen. Seine Unterstützung ermöglicht es, Einsätze effizienter und zielgerichteter zu gestalten. Die Erfahrung des TNA hilft dabei, sowohl den Kräften vor Ort als auch den Disponenten der Leitstelle fundierte Handlungsempfehlungen zu geben. Besonders bei komplexen Einsätzen oder Mehrfacheinsätzen, wenn Ressourcen optimal genutzt werden müssen, zeigt sich das Potenzial dieses Modells.

Welche Fähigkeiten sollte ein Telenotarzt aus Ihrer Sicht mitbringen?

Ein Telenotarzt muss in der Lage sein, aus der Ferne die Schwere und Dringlichkeit einer Situation korrekt einzuschätzen. Das ist anspruchsvoll, denn ohne physische Präsenz verlässt man sich auf die Beschreibungen der Einsatzkräfte und technische Daten. Entscheidungsfreude, strukturiertes Denken und Erfahrung in der Notfallmedizin sind hier unerlässlich. Darüber hinaus spielt die Kommunikation eine Schlüsselrolle: Der TNA muss in der Lage sein, klar und verständlich mit den Kollegen vor Ort zu sprechen, Vertrauen aufzubauen und gleichzeitig Verantwortung zu übernehmen. Ein funktionierendes Netzwerk, also ein eingespieltes Team aus Notfallsanitätern, Leitstellenpersonal und dem TNA, ist essenziell für den Erfolg dieses Modells.

Der Telenotarzt kann den Einsatzkräften vor Ort und den Disponenten gleichermaßen fundierte Empfehlungen geben – das macht ihn zu einem echten Gamechanger in der Rettungskette

Mettmann liegt innerhalb der Trägerregion Bergisches Land, in welcher nun bald der Telenotarzt starten wird.
Wie blicken Sie als Notfallmediziner auf diesen neuen Player, speziell in Ihrer Region?

Ich sehe dem Start des Telenotarztes mit großer Vorfreude entgegen. Als Notarzt auf dem NEF und als Arzt in der Notaufnahme erlebe ich täglich, wie komplex Einsätze sein können. Wenn der TNA uns Aufgaben wie Bettensuche oder die Anmeldung von Intensivpatienten abnehmen kann, bedeutet das eine spürbare Entlastung – gerade bei hohem Einsatzaufkommen. Noch wichtiger finde ich die Unterstützung, die er den Notfallsanitätern bieten kann. In Situationen, in denen schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen, etwa bei der Frage, ob ein Patient transportiert werden muss, gibt der TNA zusätzliche Sicherheit. Ich bin gespannt, wie sich die Einsätze dadurch verändern und erwarte, dass wir in vielen Fällen schneller und zielgerichteter handeln können.

Über Dr. Sebastian Rossbach:
Dr. Sebastian Rossbach, 46, geboren in Schwelm, studierte Humanmedizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Nach Stationen am Helios-Klinikum Wuppertal und dem Hospital zum Heiligen Geist Kempen ist er heute Chefarzt der Anästhesie am Evangelischen Krankenhaus Mettmann.